“Es ist okay, auch mal einfach Nichts zu tun, nicht alles im Griff zu haben und Hilfe anzunehmen.” – Genau das spürte ich bei meinem ersten Kontakt mit Stephanie Johne .

Anfang des Jahres entdeckte ich sie durch den Podcast Matcha Mornings  und fragte sie nach dem ambitionierten Bau meiner Yoni Steaming Box zu ein paar Tipps. (Hierzu plane ich nach mehr Erfahrung noch mal einen längeren Beitrag zum Thema Endometriose, Menstruationsbeschwerden und Vaginal Steaming).  Seit ihrer ersten Nachricht begeisterte mich Stephanie durch ihre Stärke, Sanftheit und Präsenz, die mir so bisher nur begegnet ist. Ich fasse es mal zusammen als Verkörperung von starker Yin-Energie und bedingungsloser Sisterhood. Aber genug der Lobeshymne, passend zu Stephanies aktueller Crowdfunding-Kampagne für ihr Buch MILK & MOTHER habe ich sie zu den Themen Wochenbett, Feminismus, Vaginal Steaming und ätherischen Ölen befragt:

Wer bist du und was machst du?

Mein Name ist Stephanie, ich bin 35 Jahre jung, Journalistin, Women’s Health Coach und Full Spectrum Doula.

Doula? Was bedeutet das genau und was ist der Unterschied zu einer Hebamme?

Eine Doula unterstützt Frauen und gebärende Menschen in der Zeit der Schwangerschaft, während der Geburt und in der Zeit des Wochenbetts vor allem emotional und vorbereitend auf das, was kommt – mit Rat und Tat, wie der Wahl des richtigen Geburtsorts und -teams, Entspannungsübungen, Yoga und vielem mehr.
Sie hat im Gegensatz zur Hebamme zwar ein medizinisches Verständnis, aber keine medizinischen Kompetenzen, sprich wir können und dürfen niemals medizinisch eingreifen. Damit sind Hebammen unersetzlich an der Seite einer Frau und wir zur Ergänzung und Unterstützung da. Vor allem im Wochenbett kann ich als Ayurveda-Köchin einen großen und wichtigen Bereich abdecken, den Hebammen in der Regel nicht leisten, der aber so essentiell ist für den Heilungsprozess.

Jetzt hast du hast ein Buch über die Zeit nach der Geburt geschrieben, in dem es nicht um das Baby geht. Warum braucht es so ein Buch? 

Weil uns das Wochenbett etwas ganz Entscheidendes lehrt: dass wir als Frauen nicht immer alles alleine schaffen müssen. Es ist okay, auch mal einfach Nichts zu tun, nicht alles im Griff zu haben und Hilfe anzunehmen. Das fällt den meisten von uns schwer, weil es einfach eine sehr weibliche Qualität ist, immer für alle und jeden da zu sein. Mit dem Feminismus im bisherigen Verständnis haben wir uns noch einen ziemlichen extra work-load auferlegt. Ich möchte uns keine dieser Errungenschaften aberkennen – im Gegenteil! Ich glaube aber, dass der Feminismus einen Paradigmenwechsel braucht. Einen, der wieder daran erinnert, dass wir nicht versuchen sollten gegen, sondern mit unserer Natur zu leben, um langfristig gesund und glücklich zu sein.
Manche naturgegebene Phasen in unserem Leben fordern einfach Rückzug und Ruhe – eine Qualität, die heute recht wenig wert ist oder erst wieder an Wert erlangt. Die Zeit nach der Geburt – das sogenannte Wochenbett – ist eine der größten Transformationen, die ich als Frau erlebt habe. Warum zelebrieren wir das nicht mehr und nutzen die Zeit, ganz bewusst nach innen zu kehren und in die Rolle als Mutter zu wachsen?

Und ich dachte “Menstruation” wäre schon ein Thema mit zu wenig  Beachtung, aber wie kann es sein, dass man noch viel seltener vom Wochenbett hört oder was das eigentlich ist? Wie würdest du diese Zeit beschreiben?

Es ist einfach nicht sehr sexy, geschweige denn konform mit unserem jetzigen feministischen Zeitgeist. Wir können alles sein als Frauen und sind das bestenfalls sogar. „Höher, besser, weiter“ ist die Devise. Kinderkriegen und Mutterwerden sollen und wollen wir  teilweise noch so nebenbei wuppen. Dass das nicht nicht immer gut geht, zeigen die aktuellen Zahlen, wenn es um postpartale Depressionen geht. Nichtstun ist einfach nicht viel Wert in unserer Gesellschaft, dabei ist es in Hinsicht auf unsere mentale und körperliche Gesundheit als Mütter das Produktivste, was wir tun können.

Für wen ist dein Buch? Ist es auch interessant für Frauen, die noch keine Kinder haben oder schwanger sind?

Absolut! Es sind viele super leckere Rezepte drin, die uns als Frauen in allen Lebensphasen nähren, besonders während der Zeit der Blutung, in der wir ja auch jedes Mal transformieren und ganz viel Liebe und Hingabe benötigen. Und dann wäre es einfach so essentiell, Bücher über Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu lesen, lange bevor wir überhaupt eine Familie gründen wollen – das ist Allgemeinbildung und Community Work, das muss nicht einmal uns selbst betreffen, aber in unserem Umfeld werden früher oder später viele Familien diese Phase durchlaufen und brauchen das Verständnis und die Unterstützung aus dem Umfeld, um sanft im Familienleben anzukommen. Das Buch richtet sich an alle Menschen, egal welchen Geschlechts und in welcher Lebensphase.

Du sprichst in deinem Buch von “Belly Bindiing”. Was ist das genau?

Puh, das ist so ganz kurz nicht zu sagen – wer wirklich tief eintauchen will, findet auf meiner Website einen Online-Workshop dazu. Im Grunde geht es aber darum, den Körper nach der Schwangerschaft wieder zu verschließen und ihm Halt und Sicherheit zu geben – in physischem aber auch in psychischem Sinne. Dafür wird der Bauchbereich von der Hüfte bis zu den Rippen mit einem 14-17 Meter langem Tuch umwickelt. Täglich angewandt nach der Geburt kann es dabei helfen, die Organe zurück an ihren Platz zu bringen, den Wochenfluss anzuregen und eben die Muskulatur und den unteren Rücken zu stützen. Auf emotionaler Ebene finden Mamas vor allem das Gefühl des Gehaltenwerdens hilfreich. Tatsächlich sollte man es aber nicht einfach in Eigenregie anwenden, es ist wichtig, wie gewickelt, wie lange es getragen wird und so weiter. Vor allem nach der Geburt.

Belly Binding kann aber auch während unseres regulären Zyklus’ unterstützend wirken – kurz vor, während oder kurz nach der Blutung. Es wirkt auf emotionaler Ebene stärkend, regt den Blutfluss an und kann auch mit einem Kirschkernkissen zur Linderung von Krämpfen und Schmerzen benutzt werden.

 “Vaginal Steaming” ist auch etwas womit du dich viel beschäftigst. Worum geht es dabei?

Beim Vaginal Steaming wird der Intimbereich mit warmem Dampf behandelt, quasi eine kleine Saunabehandlung für die Gebärmutter. Dazu wird vorher eine Kräutermischung aufgekocht und dann das Wasser in eine Schüssel umgefüllt und in die Toilette oder einen Steaming Chair gestellt (die Investition lohnt sich, es ist sehr viel bequemer als auf der Toilette). Steaming hat unfassbar viele Benefits, birgt aber auch Risiken und sollte nicht im Alleingang experimentiert werden. Hier ist es unfassbar essentiell, wie oft, wie lange und mit welchen Kräutern gesteamed wird. Und natürlich, dass der Dampf niemals zu heiß ist. Es kann bei unregelmäßigen oder ausbleibenden Zyklen, wiederkehrenden Infektionen, Kinderwunsch, Krämpfen, PMS und, und, und helfen. Eigentlich bei fast allen die Geschlechtsorgane betreffenden Beschwerden. Am besten präventiv als regelmäßige Wellness-Anwendung kurz vorm Schlafengehen. Es ist so ein einfaches Tool, das alle Frauen kennen sollten.


Du arbeitest auch viel mit ätherischen Ölen. Gibt es da etwas zu beachten wenn man schwanger ist oder gerade ein Kind bekommen hat?

Ja, unbedingt. Ätherische Öle sind toll, sollten aber in der Schwangerschaft mit Vorsicht verwendet werden. Wichtig ist die Qualität (ich arbeite beispielsweise mit den Ölen von doterra) und dass sie in der Schwangerschaft auf keinen Fall innerlich angewandt werden sollten – was ja gerade ein großer Trend ist. Ansonsten können sie aber auch immens viele Vorteile in dieser Zeit haben und gegen Übelkeit, Muskelverspannungen, Unruhe und, und, und helfen. Während der Geburt kommen sie bei mir am meisten zum Einsatz, je nachdem was gebraucht wird. Da wirken sie ebenfalls auf körperlicher und emotionaler Ebene. Wen das interessiert, der kann sich gerne für meinen Newsletter anmelden. Ich mache regelmäßige Workshops dazu.

Ich liebe Öle ja auch! Was ist dein Lieblingsöl?

Ich wünschte, das könnte ich so pauschal sagen. Das ändert sich oft. Im Moment liebe ich die Ölmischung Whisper von doterra. Wenn ich mich aber für eines entscheiden müsste, dann ist es wahrscheinlich Vetiver – für immer und ewig. Ich bin Zwilling, Element Luft und auch mein Konstitutionstyp ist eher Vata. Ich brauche als immer wieder Erdung. In der Arbeit mit Schwangeren liebe ich zum Beispiel Jasmin, Rose und Palo Santo.

Zum Abschluss: Warum ist das Ausruhen, Zurückziehen oder Nichtstun zur Menstruation oder im Wochenbett ein feministischer Akt?

Weil wir wieder lernen müssen, im Einklang mit unserer Natur zu leben und nicht, sie im Dienste des Feminismus zu verraten. Wir haben uns lange genug an den Werten der patriarchalen Gesellschaft orientiert und versucht mitzuhalten. Das kann nicht Sinn und Zweck sein. Ziel muss es sein, eine neue Gesellschaftsform zu finden, die beides anerkennt – das Männliche und das Weibliche. In dem wir in Schwellenzeiten Rückzug einfordern und und uns selbst zugestehen, uns rauszunehmen, tragen wir einen wichtigen Teil dazu bei.

Genau deswegen ist das Buch auch ein Buch für alle Frauen, denn im Grunde haben wir jeden Monat die Gelegenheit dazu. Wir könnten (und sollten) aus gesundheitlicher Sicht, zumindest den ersten Tag unserer Blutung zum Durchatmen nutzen und einen Gang (oder besser drei) zurückschalten. Das ist in einem System, indem Frauen sein wollen wie Männer natürlich unmöglich. Wie cool wäre es, wenn sich die Chefärztin eines Tages offiziell entschuldigen lässt, weil sie angefangen hat zu bluten und alle im Besprechungszimmer verständnisvoll mit dem Kopf nicken? Natürlich würde das voraussetzen, dass das System das mitträgt und sie an dem Tag ersetzlich ist. Ich glaube bis dahin ist noch ein langer Weg, den wir uns aber langsam trauen sollten zu gehen. Für uns alle!

Danke für das inspirierende Gespräch, Stephanie!

Um Stephanies Buch zu bestellen oder ihre aktuelle Crowdfunding-Kampagne zu unterstützen, geht es hier entlang: startnext.com/milk-and-mother-das-buch

Mehr zu Stephanie und ihrer Arbeit erfahrt ihr außerdem hier auf ihrer Website und bei Instagram.